Summer School. 80 Jahre Haus am Waldsee
Vom 26. – 28. August 2025 fand am Haus am Waldsee eine Summer School in Vorbereitung auf das 80. Jubiläum der Institutionsgründung im Jahr 2026 statt.
Am 24. August 1945 feierten die Berliner Philharmoniker mit William Shakespeares Ein Sommernachtstraum im Garten des Haus am Waldsee Premiere. Das ehemalige Wohnhaus in Berlin-Zehlendorf – errichtet 1922 für die Familie des jüdischen Textilunternehmers Hermann Knobloch, ab 1926 in Besitz der Familie Angerer (der Vater Vorstandsmitglied bei der Deutschen Reichsbahn, der Sohn später in hochrangiger Position in der Rüstungsindustrie) und ab 1942 Dienstvilla des zweiten Vorsitzenden der Reichsfilmkammer, Karl Melzer – war nur wenige Wochen nach Kriegsende zu einem zentralen Ort des wiedererwachenden kulturellen Lebens im zerstörten Berlin geworden. Schon bald folgte ein vielfältiges Ausstellungsprogramm mit Künstler*innen wie Käthe Kollwitz, Karl Schmidt-Rottluff und Renée Sintenis, das bereits von Beginn an Frauen und von den Nationalsozialisten verfemte Avantgardekünstler*innen zeigte.
Doch wer war das Publikum für dieses Programm in dem wohlhabenden Bezirk am Stadtrand, während im Zentrum alles in Trümmern lag? Welche politischen Interessen wurden mit der Institutionsgründung verfolgt? Wer waren die Protagonist*innen des kulturellen Wiederaufbaus im Umfeld des Haus am Waldsee? Wie lässt sich das Geschehen an diesem Ort in einen größeren Machtkampf um eine globale Neuausrichtung einordnen, bei dem Kulturgüter und Kunst eine wesentliche Rolle spielten? Und welche Brüche aber vor allem auch Kontinuitäten zeichnen den Paradigmenwechsel dieser Zeit aus?
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen rückt eine Zeit in den Blick, in der die Weichen für unsere Gegenwart entscheidend gestellt wurden. Aber auch die Überlegung, was es bedeutet, in einem ehemaligen Wohnhaus von Opfern sowie Täter*innen des NS-Regimes von nun an Kunst zu zeigen, zu produzieren und zu erfahren.
Gemeinsam mit Künstler*innen, Kunst- und Architekturhistoriker*innen, Autor*innen und Theoretiker*innen wurde versucht, die sich überlagernden historischen, sozialen, persönlichen und politischen Schichten dieses Ortes freilzuegen und entlang verschiedener künstlerischer Strategien und in unterschiedlichen Formaten wie Archivworkshops, Spaziergängen, Vorträgen und Screenings die bisherigen Narrative ebenso wie ihre Leerstellen zu befragen und auf unsere Gegenwart zu beziehen.
Wie kann heute ein Institutionsjubiläum begangen werden, bei dem nicht nur an die Vergangenheit erinnert, sondern auch Impulse für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln gesetzt werden? Gastdozent*innen: Nina Akhvlediani, Kirsty Bell, Pujan Karambeigi, Atiéna R. Kilfa, Philipp Krüpe, Veit Laurent Kurz, Luciano Pecoits, Jo Pistorius
Organisiert von: Pia-Marie Remmers
Fotografie: Robert Hamacher
Programm
Dienstag, 26.08
Begrüßung und gemeinsames Kennenlernen
Führung durch das Haus am Waldsee mit Luciano Pecoits
Die Führung durch das Gebäude stellt den unmittelbaren, baulichen Körper der Institution vor und macht nachvollziehbar, wie er sich im Verlauf von rund einhundert Jahren von einem Wohnhaus zum kulturbetrieblichen Rahmen in seiner heutigen Form entwickelt hat. Besondere Aufmerksamkeit kommt den Entschädigungsverfahren der frühen 1950er Jahre zu, die durch Beobachtung von Kapitalströmen den Gründungsmoment der Institution kontextualisieren.
Das Haus am Waldsee Archiv. Workshop Teil I mit Luciano Pecoits
In einer gemeinsamen Quellensondierung wird ein Überblick gegeben, welche historischen Materialien sich im Hausarchiv befinden, welche in öffentlichen Archiven überliefert sind und besprochen, was sich nicht erhalten hat und weshalb auch ebendiese „Fehlstellen“ konstitutiv für den geschichtlichen Prozess sind. Im Anschluss werden Anhand einzelner Archivalien aus dem Bestand Methoden der Aneignung, Verarbeitung und Formatierung von Quellen exemplarisch erprobt.
Vortrag zu den Gründungserzählungen des Haus am Waldsee mit Jo Pistorius
Die Lecture setzt sich mit wesentlichen Gründungsmomenten, -erzählungen und -figuren des Haus am Waldsee als Kulturinstitution in der unmittelbaren Nachkriegszeit auseinander. Sie fragt dabei nach Kontinuitäten, Brüchen, Leerstellen und Mythenbildung vor dem Hintergrund neuer politischer Formierungen und Vereinnahmungen sowie der weitgehenden Auslassung materieller und personeller Kontinuitäten nationalsozialistischer Gewaltverhältnisse. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf exemplarischen biografischen Ausschnitten der potenziellen Gründungsfigur Gustaf Gründgens.
Mittwoch, 27.08.
Archive Fieldwork mit Kirsty Bell und Pujan Karambeigi
Nach einer kurzen Einführung in ihre jeweiligen Herangehensweisen werden Kirsty Bell und Pujan Karambeigi verschiedene Methoden im Umgang mit Archivmaterialien vorstellen. Anschließend besuchen wir in kleinen Gruppen eine Auswahl an Bibliotheken und Archiven in der Stadt. Zur Orientierung stellen die Dozent*innen jeder Gruppe einen Fragenkatalog zur Verfügung, der sich auf die jeweiligen Archive bezieht und je nach Interesse der Gruppe erweitert oder angepasst werden kann.
Neben Fragen zur Geschichte des Hauses liegt der Fokus auf dem historischen Kontext des deutschen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, globalen Verflechtungen sowie (Künstler-)Biografien, die mit der Gründung des Hauses verbunden sind. Darüber hinaus widmen sich die Sitzungen grundlegenden Fragen zur Arbeit mit Archiven und zur Geschichtsschreibung:
Wie bewegen wir uns durch Archivräume und gehen mit einer überwältigenden Fülle an Material um? Welche unterschiedlichen Ergebnisse kann ein und derselbe Fragenkatalog in verschiedenen Archiven hervorbringen? Geht es darum, historischen Fakten zu folgen – oder persönliche Geschichten aufzuspüren? Versuchen wir, eine kohärente Erzählung zu entwickeln, oder bleiben wir bei Fragmenten und bruchstückhaften Spuren? Und wie schreiben wir selbst Geschichte – durch unsere Entscheidungen, unsere Perspektiven und unsere Interpretationen?
Die politische Funktion des Gartenvororts. Ein kritischer Stadtrundgang durch Zehlendorf mit Philipp Krüpe
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht in Europa, seinen Siedlerkolonien und in den USA eine neue Wohntypologie: der Gartenvorort. Für das wachsende Bürgertum wurde damit ein Ort geschaffen, der seine Bewohner*innen von den vermeintlichen Zumutungen der Umwelt abgrenzte, die aus industrialisierenden Großstädten, einer prekär lebenden Arbeiter*innenklasse und der ausgebeuteten subalternen Welt bestanden.
Gestrebt wurde nach einer stadtplanerischen wie architektonischen Erscheinung, die sich an ländlich-dörflichen Bauformen wie der Landhaus-Typologie oder kleinstädtisch-mittelalterlichen Strukturen orientierte. Diese schlossen natürlich gewachsene, mäandernde Wegverläufe mit ein und wurden in künstlicher Form nachgebildet, wobei auch vor starken landschaftsräumlichen Eingriffen nicht halt gemacht wurde. Gleichzeitig wurde Wert auf eine sich modernisierende Infrastruktur gelegt: Kanalisation, Strom und fließendes Wasser sowie gute Erschließungsmöglichkeiten mit Kutsche, Bahn und dem aufkommenden Automobil.
Auch das Haus am Waldsee in Zehlendorf befindet sich inmitten einer solchen Anlage, die die beschriebenen Aspekte erfüllt. In einem Rundgang sollen der spezifische geschichtliche Kontext, seine transnationale und kolonial geprägte Architekturgeschichte sowie ihre politische Funktion kritisch beleuchtet werden. Zudem werfen wir einen Blick auf. weitere ähnliche Planungen in der Umgebung.
Donnerstag, 28.08.
Der englische Landschaftsgarten des Haus am Waldsee als lebendiges Archiv und Ort der kritischen Reflexion mit Veit Laurent Kurz
Veit Laurent Kurz ist ein bildender Künstler mit Wohnsitz in Berlin, dessen Arbeit sich mit den Verbindungen zwischen Psychologie und Ökologie auseinandersetzt. Die Erzählungen in seinen Installationen verweisen häufig auf ökologische Themen aus einer persönlichen und räumlichen Perspektive. Aus dieser Praxis heraus entstand die_kette_moabit, eine Forschungsplattform mit stärker archivischem Fokus, die Kunst, Architektur und Musik miteinander verbindet. In seiner
fortlaufenden Serie Green Sanctuary untersucht Kurz das Gärtnern sowohl als historische Praxis als auch als zeitgenössische Kunstform. Im Rahmen der Summer School am Haus am Waldsee beschäftigte er sich mit dem englischen Landschaftsgarten des Museums als lebendigem Archiv und Ort der Reflexion.
Das Haus am Waldsee Archiv. Workshop Teil II mit Luciano Pecoits
Im zweiten Teil des Workshops soll anhand verschiedener Übungen die narrative Struktur von textlichen Überlieferungen hinterfragt und ihre Linearität sowie Eindeutigkeit durch visuelle Elemente aufgebrochen werden. Dabei werden spekulative Potenziale erprobt, um auch solche historischen Aspekte einzubeziehen, die in herkömmlichen Geschichtsschreibungen oft nicht erfasst werden.
Démontage. Ein Vortrag über die vielschichtige Konstruktion von Bildern im Film mit Atiéna R. Kilfa
Atiéna R. Kilfa wird einen Vortrag basierend auf ihrer Methode der Démontage halten. Diese Technik, die sie im Verlauf ihrer Praxis entwickelt hat, untersucht die komplexen Weisen, wie Bilder im Film konstruiert werden. Durch die Anwendung von Montageprinzipien auf die Ausstellungsgestaltung zieht ihr einzigartiger Ansatz Parallelen zwischen der Produktion von filmischen Spektakeln und der Inszenierung von Historie.
Freitag, 29.08
Archiving as a Becoming mit Nina Akhvlediani
Geleitet von der Kuratorin und Verlegerin Nina Akhvlediani untersucht dieser Workshop, wie Archive durch Methoden der Ausstellung, des Publizierens und der performativen Dokumentation aktiviert werden können. Ausgangspunkt ist Akhvledianis Zusammenarbeit mit dem Haus am Waldsee, wo sie ein Archivpräsentationssystem für den temporären Ausstellungsraum des Museums entwickelt. Der Workshop überträgt diesen Ansatz in einen gemeinsamen pädagogischen Kontext.
Im Rahmen von Diskussionen, Präsentationen und praktischen Übungen erhalten die Teilnehmenden Einblicke in eine Auswahl früherer Projekte von Akhvlediani – darunter Ausstellungsmodelle mit zeitlicher Dauer sowie Präsentationssysteme, die aus lokalen Ressourcen und modularen Bauelementen entwickelt wurden. Anhand von Initiativen wie Dineba und Kona Books werden Strategien zur Dokumentation ephemerer Praktiken, zur Nachverfolgung bibliografischer und materieller Details sowie zur Übersetzung von Forschung in kollaborative Druckformate untersucht.
Indem das Archiv als dynamische und kontinuierlich umgestaltbare Struktur verstanden wird, rückt der Workshop das Publizieren und das Ausstellungsmachen als Orte der Versammlung, der Re-Kontextualisierung und des dezentralen Zugangs in den Mittelpunkt.
Abschlussfest
Biografien
Nina Akhvlediani
Nina Akhvlediani ist unabhängige Kuratorin und Mitbegründerin von Kona Books, einem Verlag und Buchladen mit Sitz in Tiflis. Sie leitet sowohl Kona Books als auch die Buchhandlungen des Design Institute in Tiflis und ist Gründerin von Dineba, einer unabhängigen Archivpraxis. In ihren jüngsten Projekten hat Akhvlediani Ausstellungsmodelle mit zeitlicher Dauer entwickelt und das Archiv als Ort poetischer und politischer Untersuchung erschlossen.
Kirsty Bell
Kirsty Bell ist Schriftstellerin und Kunstkritikerin und lebt in Berlin. Sie ist Autorin von The Undercurrents. A Story of Berlin (Fitzcarraldo Editions, 2022) (dt. Gezeiten der Stadt, Kanon Verlag, 2021) sowie von The Artist’ s House. From Workplace to Artwork (Sternberg Press, 2013). Ihre Kunstkritiken wurden unter anderem in frieze veröffentlicht, wo sie von 2011 bis 2021 als Contributing Editor tätig war, sowie in weiteren Kunstmagazinen und Ausstellungskatalogen. Zu
ihren jüngsten Essays zählen Texte über Käthe Kollwitz (MoMA, New York), Edward Hopper (Whitney Museum of American Art), Tolia Astakhishvili (Bonner Kunstverein & Haus am Waldsee, Berlin), Alexandra Bircken (Museum Brandhorst, München) und James Richards (Malmö Konsthall & Künstlerhaus Stuttgart). Sie unterrichtet und hält regelmäßig Vorträge an Kunsthochschulen und Institutionen in ganz Europa. Ihr nächstes Buch erscheint 2026 bei Fitzcarraldo Editions und dem Kanon Verlag.
Pujan Karambeigi
Pujan Karambeigi ist Doktorand der Kunstgeschichte an der Columbia University und 2024–25 Mellon-Marron Research Consortium Fellow am Museum of Modern Art. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der institutionellen Geschichte der Kunst, insbesondere damit, wie Kunst im Kontext der Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Instrument des Nation-Building wurde. Er ist Herausgeber von downtowncritic.net, war zuvor als Contributing Editor bei Jacobin tätig, und seine Texte sind unter anderem in Art in America, Texte zur Kunst, ARTMargins, Mousse Magazine, Artforum und weiteren Publikationen erschienen. Er kuratierte Ausstellungen bei ISLAA New York, der Wallach Art Gallery und bei Felix Gaudlitz.
Atiéna R. Kilfa
Atiéna R. Kilfa (*1990) lebt und arbeitet derzeit in Berlin. Zu ihren letzten Soloausstellungen gehören: En Suite, Galerie Neu, Berlin (2025), Wonder Lust, LOK Remise, Kunst Museum St. Gallen (2025), Special Effect, Den Frie, Kopenhagen (2024), Primitive Tales, Cabinet, London (2023), The Unhomely, Camden Art Center, London (2023), The Unhomely, KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2022).
Philipp Krüpe
Philipp Krüpe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Grundlagen moderner Architektur (IGmA) der Universität Stuttgart. Er publiziert und arbeitet zu architektur- und medientheoretischen Themen, unter anderem für ARCH+, Baumeister, das Goethe Institut und verschiedene Kulturinstitutionen in Deutschland. Zusammen mit Stephan Trüby verantwortet er das Forschungsprojekt „Rechte Räume“ (www.rechteraeume.net). Aktuell forscht er zur politischen Medien- und Affektgeschichte der modernen Architekturtheorie und -produktion.
Veit Laurent Kurz
Veit Laurent Kurz ist ein bildender Künstler mit Wohnsitz in Berlin, dessen Arbeit sich mit den Verbindungen zwischen Psychologie und Ökologie auseinandersetzt. Die Erzählungen in seinen Installationen verweisen häufig auf ökologische Themen aus einer persönlichen und räumlichen Perspektive. Aus dieser Praxis heraus entstand die_kette_moabit, eine Forschungsplattform mit stärker archivischem Fokus, die Kunst, Architektur und Musik miteinander verbindet. In seiner fortlaufenden Serie Green Sanctuary untersucht Kurz das Gärtnern sowohl als historische Praxis als auch als zeitgenössische Kunstform.
Luciano Pecoits
Luciano Pecoits ist Künstler und lebt in Wien. In quellenkritischem Umgang mit historischen Materialien arbeitet er in, mit und zu Kunst, ihren Institutionen, Biografien und Narrativen. Es fanden Präsentationen in diversen Formaten statt, darunter in den Münchner Kammerspielen (2022); dem Kunsthaus Dahlem, Berlin (2022); der Lothringer 13 Halle, München (2024) und dem Milwaukee Art Museum (2025).
Jo Pistorius
Jo Pistorius arbeitet an der Schnittstelle von Theorie, Kuration und Textproduktion. Jo studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Berlin und Paris und beendet derzeit einen Master in Contemporary Art Theory an der Goldsmiths, University of London. Jo war kuratorische Assistent*in der Halle für Kunst Lüneburg und verfolgte unabhängige kuratorische Projekte u.a. für den Kunstverein Grafschaft Bentheim. Jo lebt in Berlin und London.
Die Summer School wurde gefördert durch:

