Die Geschichte des Hauses
Das Haus am Waldsee blickt auf eine 80-jährige Geschichte als Kulturinstitution zurück und auf eine Vergangenheit als Wohnhaus, die bis in die 1920er Jahre zurückreicht. Gebäude und Garten erzählen von Vorstellungen von Eigentum, bürgerlicher Privatheit und Wohlstand, von Verfolgung und Enteignung im Nationalsozialismus, der westlichen Kulturpolitik der Nachkriegszeit und sich wandelnden Kunstkonzeptionen bis in die Gegenwart. Die Geschichte des Hauses ist dabei immer auch eine Geschichte gesellschaftlicher Umbrüche und ihrer Einschreibungen in Architektur, Landschaft und Institutionen.
Haus Knobloch, 1926, heute Haus am Waldsee, Foto: Käthe Stoef, Hamburg
Flucht ins Grüne und bürgerliche Lebensformen um 1900
Mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert expandiert das Berliner Großbürgertum zunehmend in die peripheren, ländlichen Vorortgemeinden der Stadt. Der Industriekapitalismus hat in den europäischen Zentren den Reichtum der bürgerlichen Oberschicht vergrößert und zugleich eine zunehmend gedrängte und entfremdete urbane Landschaft hinterlassen. Vor diesem Hintergrund formiert sich eine Sehnsucht nach Natur, die bürgerliche Kreise in den wald- und seenreichen Südwesten der Stadt treibt, wo sich mit Villenkolonien und großangelegten Immobilienentwicklungs-Projekten neue opulente Wohn- und Kapitalanlageformen herausbilden – so auch in Zehlendorf. 1901 erwirbt die Zehlendorf-West-Terrain-Aktiengesellschaft ein Areal um den heutigen Mexikoplatz, dessen Sumpflandschaften zu einem künstlichen See ausgebaggert werden. Die umliegenden Areale werden trockengelegt und als repräsentative Bauplätze mit privatem Seezugang zum Verkauf angeboten. Über S- und später U-Bahn ist das Gebiet direkt mit der Berliner Innenstadt verbunden. 1922 erwirbt die Firma des Textilunternehmers Hermann Knobloch das Grundstück, auf dem heute das Haus am Waldsee steht.
Waldsee um 1910, Farbdruck nach Fotografie von Richard Hoffmann, Aus: Die Villenkolonie Zehlendorf-West am Grunewald, hrsg. von der Zehlendorf-West Terrain-Aktiengesellschaft, Berlin
Das englische Landhaus und der „natürliche” Garten als Kulisse bürgerlichen Wohnens
Hermann Knobloch beauftragt den Architekten Max Werner mit dem Bau eines Wohnhauses für seine Familie im Stil des Englischen Landhauses. Dieser Baustil wurde von Hermann Muthesius geprägt und verbindet Garten, Haus und Landschaft zu einer ästhetischen Einheit. Es entsteht ein repräsentatives großbürgerliches Gebäude, das den neuen architektonischen Tendenzen der Zeit eher konservativ-gediegen gegenübersteht, zugleich jedoch mit der neuesten technischen Ausstattung versehen wird, die zahlreiche Nebengebäude umfasst – darunter eine Garage mit eigener Tankanlage, Werkstatt, Bootshaus, Gewächshaus, Stallungen und Bedienstetenquartiere. Während der Vorgarten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten Möglichkeiten der Selbstversorgung bietet, ist der Park zum See hin als englischer Landschaftsgarten gestaltet, mit mäandernden Wegen, Baumgruppen und einer zum Wasser abfallenden, sanft geschwungenen Wiesenfläche. In Abgrenzung zur rigiden Geometrie absolutistischer Gärten entsteht der englische Landschaftsgarten im 18. Jahrhundert in Verbindung mit der Naturrezeption des aufgeklärten Bürgertums. In der Inszenierung einer „befreiten“, möglichst „natürlichen“, tatsächlich jedoch sorgfältig kuratierten Natur spiegeln sich bürgerliche Moralvorstellungen, in denen „Natürlichkeit“ mit Gesundheit, Ursprünglichkeit und Reinheit assoziiert wird.
Familie Knobloch: Unternehmertum, Verfolgung und Exil
1923 bezieht Hermann Knobloch das Haus mit seiner Familie. Knobloch hat gemeinsam mit Isidor Rosenmann ein erfolgreiches, auf die Konfektion von Herren-Regenkleidung spezialisiertes Textilunternehmen aufgebaut, das jedoch 1926 Insolvenz anmelden muss. Das Haus wird verkauft, die Familie zieht nach Charlottenburg. 1933 beginnt für jüdische Unternehmer wie Knobloch eine Zeit systematischer Entrechtung und Verfolgung. Als mit dem Erlass der sogenannten Nürnberger Gesetze 1935 die Situation sich weiter verschärft, emigrieren die Knoblochs 1936 schließlich nach Buenos Aires, ihr Sohn nach Vancouver in Kanada. Ein Großteil ihres Vermögens wird vom NS-Staat konfisziert. Restitutionsprozesse in den 1950er Jahren führen nur zu geringfügigen Kompensationen.
Wohnhaus von Täter*innen: NS-Rüstungsindustrie und -Filmpolitik
1926 wird das Haus an Otto Müller verkauft, der es bereits nach zwei Wochen an Richard Anger, einen hohen Beamten im Reichsverkehrsministerium, veräußert. Angers Sohn Wolfgang, der das Haus im Anschluss übernimmt, profitiert ab 1933 als Geschäftsführer der Firma Hasse & Wrede von der Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit. 1942 verkauft er das Anwesen an die Allgemeine Filmtreuhand GmbH, die im Auftrag der Reichsfilmkammer Vermögen der NS-Filmindustrie verwaltet. Ab 1943 dient das Haus als Dienstvilla des Vizepräsidenten der Reichsfilmkammer Karl Melzer, der in dieser Funktion die NS-Filmlandschaft wesentlich mitgestaltet. Kurz vor Kriegsende flieht Melzer nach Süddeutschland, wo er zwar kurzfristig interniert wird, im Rahmen eines Entnazifizierungsverfahrens jedoch lediglich als Mitläufer eingestuft wird.
Mythos „Stunde Null” und das Haus am Waldsee als Kulturort: Brüche und Kontinuitäten nach 1945
Unmittelbar nach Kriegsende 1945 werden in Zehlendorf mit Unterstützung erst der sowjetischen und dann der amerikanischen Besatzer kulturelle Aktivitäten wieder aufgenommen. Das nur geringfügig zerstörte, zunächst leerstehende Haus am Waldsee wird bereits ab dem 20. Juni 1945 für Veranstaltungen genutzt: Im Garten musizieren die Berliner Philharmoniker, es finden Theateraufführungen am See statt und ein Internationales Musikinstitut wird im Haus eingerichtet. Dabei bleibt das Haus am Waldsee in personelle und materielle Kontinuitäten zwischen NS-Staat und Nachkriegszeit verstrickt: Bei der Gestaltung des Hauses als Kulturort wirken sowohl ehemals verfolgte Künstler*innen mit als auch solche, die die nationalsozialistische Herrschaft aktiv mitgestaltet und von ihr profitiert haben. In den 1950er Jahren kommt es zu Restitutionsverfahren, in deren Verlauf eine Gruppe von Filmproduzenten erfolgreich Ansprüche auf Vermögenswerte der Allgemeinen Filmtreuhand GmbH geltend macht, darunter auch auf das Haus am Waldsee. Viele von ihnen hatten hohe Positionen im nationalsozialistischen Filmwesen inne. Ihnen wird eine Miteigentümerschaft zugesprochen; das Land Berlin kauft ihren Anteil schließlich für 70.000 DM zurück.
William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum, Freilichtbühne am Waldsee, 1949, Foto: Haus am Waldsee
Die Neubewertung der Moderne und Kunst im Spannungsfeld der Nachkriegsordnung
Ab Ende 1945 beherbergt das Haus das Kunstamt des Bezirks Zehlendorf, das ab 1946 dort auch Kunstausstellungen ausrichtet. Die erste Ausstellung zeigt Werke der kurz vor Ende des Krieges verstorbenen Käthe Kollwitz. Erster künstlerischer Leiter des Hauses am Waldsee wird ab April 1946 der Schriftsteller und Musikwissenschaftler Karl Ludwig Skutsch. Sein Programm macht sich mit Ausstellungen von Künstlern wie Karl Schmidt-Rottluff, Oskar Schlemmer, Max Ernst und Ernst Ludwig Kirchner die Wiederentdeckung der im Nationalsozialismus verfemten Moderne zur Aufgabe. Darüber hinaus richtet er den Blick auf Gegenwartskunst aus anderen Ländern Europas sowie auf Künstlerinnen wie Renée Sintenis und Hannah Höch. Mit den Zehlendorfer Kunstschauen fördert Skutsch auch lokale Positionen. In der Auseinandersetzung zwischen den kulturpolitischen Vorstellungen der Westmächte und der Sowjetunion profiliert sich das Haus am Waldsee in den folgenden Jahren mit seinem Ausstellungsprogramm, dem im Haus gegründeten Freien Kulturbund und den jährlichen Kunstausstellungen der Berliner Festwochen als klare Vertreterin der westlichen Linie.
Nach Skutschs Tod übernehmen zunächst Eberhard Marx und anschließend Manfred de la Motte von 1958 bis 1964 die Leitung. Sie erweitern das Programm um außereuropäische Perspektiven und öffnen es mit der Ausstellung Gegenwart bis 1962 insbesondere für Positionen der US-amerikanischen Nachkriegsmoderne.
Ausstellung Renée Sintenis, links: Karl Ludwig Skutsch, rechts: Bernhard Heiliger, 1958, Foto: Haus am Waldsee
Drei Jahrzehnte Gegenwartskunst unter Thomas Kempas
Ab 1964 prägt der Theaterwissenschaftler, Kunsthistoriker und Germanist Thomas Kempas über drei Jahrzehnte bis 1994 das Programm des Hauses am Waldsee. Die von ihm kuratierten Ausstellungen begleiten die gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit, die sich in der Vielfalt der künstlerischen Strategien und der thematisierten gesellschaftlichen Fragestellungen spiegeln. Es geht um Fragen nach der Politizität von Kunst, um das Verhältnis von Realismus und Abstraktion, um Geschlechtlichkeit, Sexualität und Körperlichkeit und um künstlerische Praktiken abseits der Institutionen des Kunstbetriebs. Neben Ausstellungen von Künstler*innen wie Frida Kahlo, Niki de Saint Phalle, Cindy Sherman, Meret Oppenheim, Andy Warhol, Georg Baselitz und Markus Lüpertz ruft insbesondere die Ausstellung Heftige Malerei der als „Neue Wilde” bekannten Künstler*innen Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer 1980 große Resonanz hervor.
Nachwendezeit, Postmoderne und Sparmaßnahmen
In den folgenden zehn Jahren, von 1994 bis 2004, übernimmt die Kunsthistorikerin Barbara Straka die künstlerische Leitung des Haus am Waldsee. Unter dem Eindruck der Nachwendezeit legt ihr Programm einen besonderen Schwerpunkt auf zeitgenössische osteuropäische Kunst und auf Fragen nach kollektivem Gedächtnis und Erinnerung, der Postmoderne und dem „Ende der Geschichte” sowie der Situierung des ehemaligen Westens in neuen politischen Gefügen. Straka fördert zudem Formate, die den Dialog zwischen künstlerischen Praktiken und philosophischen und wissenschaftlichen Diskursen erforschen; so finden etwa Ausstellungen zu künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Denken Walter Benjamins und Friedrich Nietzsches statt. Als es im Zuge der Berliner Verwaltungs- und Bezirksgebietsreform zu Budgetkürzungen kommt, gründet sich 1996 der Verein der Freunde und Förderer des Haus am Waldsee. Weitere Sparmaßnahmen des Senats veranlassen 2004 eine Änderung der Betriebsform des Haus am Waldsee. Seitdem fungiert ein privater Trägerverein als Zuwendungsempfänger des Bezirks und des Senats.
Ausstellung Karl Hartung, 1952, Foto: Haus am Waldsee
Internationale und interdisziplinäre Kunstszene in Berlin
2005 übernimmt die Kunsthistorikerin Katja Blomberg die Direktion des Hauses. Sie macht sich zum Ziel, die inzwischen zahlreich in Berlin präsenten internationalen Künstler*innen, Designer*innen, Architekt*innen, Komponist*innen und Modeschöpfer*innen zu Ausstellungen einzuladen, die eine vertiefende Auseinandersetzung erlauben. Das Programm beinhaltet Einzelausstellungen von Künstler*innen wie Jonathan Monk, Norbert Bisky, Olav Christopher Jenssen, Corinne Wasmuht, Marcel van Eeden und Bjørn Melhus. Parallel entsteht im Freien ein Skulpturenpark mit Werken von Tony Cragg, Wilhelm Mundt, Michael Beutler, Michael Sailstorfer, Thomas Rentmeister und anderen. Zudem werden Designer*innen wie Werner Aisslinger, Architekt*innen wie J.MAYER.H und GRAFT, Modeschöpfer*innen wie Lisa D oder Komponist*innen wie Peter Ablinger im Innen- und Außenbereich zur Diskussion gestellt. Nicht zuletzt trägt Blomberg dafür Sorge, dass das Haus am Waldsee in den Jahren 2017 und 2018 mit Hilfe der LOTTO-Stiftung Berlin von Grund auf saniert und technisch auf die Höhe der Zeit gebracht werden kann. Auch der Skulpturenpark des Hauses wird bis 2022 denkmalgerecht umgestaltet.
Haus am Waldsee, 2019, Foto: Bernd Borchardt
Die Institution befragen
2022 tritt Anna Gritz die Leitung des Hauses an. Das von Gritz gemeinsam mit Kuratorin Beatrice Hilke gestaltete Programm eröffnet im Herbst 2022 mit der Künstlerin Leila Hekmat, die das Haus in ein Sanatorium für Patient*innen und deren Pfleger*innen transformiert, und wird fortgesetzt mit einer Ausstellung Margaret Raspés, die in einem Zeitraum von über 50 Jahren unweit des Waldsees ein visionäres Werk geschaffen hat, das Fragen der Wahrnehmung, der Rolle der Frau und ökologische Themen zusammendachte. Das Programm legt einen besonderen Schwerpunkt auf Projekte, die auf aktuelle gesellschaftliche, politische und ökonomische Bedingungen, die auf die Kunst wirken, Bezug nehmen und somit zu einem zeitgenössischen Diskurs sprechen. Neben der Neuvorstellung internationaler künstlerischer Positionen wie der von Beverly Buchanan, Tolia Astakhishvili, Bruno Pelassy, Carol Rhodes, Jenna Bliss und Josephine Pryde in Berlin wird dabei vor allem noch unentdeckten oder bisher nicht ausreichend gewürdigten Künstler*innen eine Plattform geboten. Der in der Tradition des englischen Landschaftsgartens stehende Park des Hauses wird aktiv genutzt, um über künstlerische Interventionen kritisch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu befragen. Nicht zuletzt wendet das Programm sich der Geschichte des Hauses zu und untersucht dessen spezifische Bedingungen als ehemaliges Wohnhaus, Institution und Träger historischer Einschreibungen als Instrument kuratorischen Arbeitens.