Videokunstprogramm:  
Veronika Veit „Die Faust“ 2010

Veronika Veit „Die Faust“ 2010

Veronika Veit, Die Faust, 2010, FullHD-Film, 4:44 min

Der Film thematisiert den Wunsch der späten 1950er Jahre nach Neubeginn, Aufschwung und dem Vergessen des Schreckens der Kriegs- und Nazizeit in Deutschland. In vielen Familien wurde über erlebte Gewalt geschwiegen und die Vergangen heit lieber verdrängt als bewältigt.

In ihrem Video „Die Faust“ geht Veronika Veit sehr konkret auf eine Mutter-Tochter-Beziehung ein. Die Szene spielt in einem biederen Dekor der 1950er Jahre. Die Künstlerin leuchtet das Verhältnis ihrer beiden Protagonistinnen genau aus: die Mutter hält eine Tranche Wolle, die die ca. 10-jährige Tochter zu einem Ball aufwickelt, bevor er verstrickt werden kann. Damals stand das Garnwickeln noch für eine typisch weibliche Tätigkeit. Mutter und Tochter sind durch einen grauen Faden miteinander verbunden. Während die Mutter der Konvention widerstandslos folgt, schwingt in der Körperhaltung des Kindes Trotz mit.

Wie aus dem Nichts schlägt eine männliche Faust auf den Tisch und lässt einen zappelnden Fisch liegen. Das Spannungsverhältnis zwischen Vater, Mutter und Kind ist fast unerträglich. Eine Klärung der brutalen Situation ist nicht in Sicht. Das Kind ist folgsam und reicht der Mutter schließlich den Lippenstift, nachdem die dem störenden Fisch den Kopf abgebissen hat. Slapstick und bitterer Ernst mischen sich in diesem Video. Es erscheint als Kurzstatement zu den bis heute nachwirkenden, gestörten Rollenverhältnissen deutscher Nachkriegsfamilien.

Veronika Veit (*1968), lebt und arbeitet in München. Veit hat von 1989 bis 1995 an der Akademie der Bildenden Künste in München Bildhauerei studiert. Für ihre Objekte, Skulpturen und Installationen, die sie teilweise mit Computeranimationen und Soundeffekten kombiniert, wurde sie 2006 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Bildende Kunst ausgezeichnet. Während Veit sich in ihren früheren Arbeiten mit Alltagsobjekten auseinandersetzte und dabei die kunsthistorische Frage nach der Beziehung von Abbild und Gegenstand stellte, richtet sie in ihren jüngeren multimedialen Installationen den Blick auf den Menschen. Sie spürt Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Unsicherheiten, Posen oder Eigenheiten nach. Seit 2010 entstehen Videofilme, deren Geschichten anfangs amüsant und unterhaltsam wirken. Dahinter lauert dann aber stets ein gefährlicher, zuweilen unbewusst gewaltsamer Umgang der Menschen miteinander.

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