Corona-Tagebuch: Bettina Blohm aus New York

Corona-Tagebuch: Bettina Blohm aus New York

Foto: Atelier Bettina Blohm

Wir haben KünstlerInnen, die dem Haus am Waldsee durch Ausstellungen nahestehen, rund um die Welt gefragt, wie ihre Situation momentan aussieht.

Die deutsche Malerin Bettina Blohm (*1961) hat Anfang der 1980er Jahre an der Kunstakademie München studiert und lebt und arbeitet seit 1984 in New York. Seit 2008 unterhält sie ein zweites Atelier in Berlin. Sie hat im Haus am Waldsee, Bikini Berlin 2018 bei uns ausgestellt.

Hier lesen Sie ihr Update vom 3.4.2020:

Seit drei Wochen habe ich niemanden getroffen, alle Kommunikation geht über Email oder Telefon. Ich bin daran gewöhnt viel allein zu sein, aber das hat jetzt eine ganz andere Dimension angenommen. Am Anfang gab es noch unzählige Telefongespräche „Wie geht es Dir, bist Du in New York?”, das wird jetzt weniger. Die Geschehnisse verschlagen einem die Sprache  und die Gespräche drehen sich im Kreis. Erleben tun wir sowieso nichts. Meine Außenkontakte sind auf kurze Einkäufe und lange Spaziergänge reduziert. Die Parks sind zum Glück noch offen. In der ersten Woche war draußen noch eine gewisse Leichtigkeit zu spüren: eine Pause vom Leben, zu sich kommen, mehr  Zeit mit den Kindern verbringen. Das ist jetzt einer grimmigen Verbissenheit gewichen. 

Einsamkeit und vor allem Langeweile können ja sehr gut für die Kreativität sein, aber es ist schwer den Kopf frei zu bekommen. Ich versuche meinen Arbeitsrhythmus einzuhalten, verbringe viel Zeit im Atelier.  Aber zum Malen braucht man Mut, Mut etwas Neues auszuprobieren, sich dem Ungewissen hinzugeben oder auch mal alles wegzuwischen. Und mir fehlt das Gespräch über Kunst. Neulich habe ich eine ganze Weile mit einer Künstlerfreundin darüber telefoniert, wie man ein bestimmtes Grün mischen könnte. Wir schickten uns die Farben per Email. Das war das beste Gespräch der Woche. Nachdem ich mich über Jahre gegen Social Media gewehrt habe, poste ich jetzt auf Instagram. 

Die schrecklichen Nachrichten aus New York brauche ich hier nicht zu wiederholen, in meiner Gegend in Downtown Manhattan merke ich von dem Wüten des Virus nicht viel. Es ist vor allem still, sehr viele Menschen tragen inzwischen Masken, man macht einen weiten Bogen umeinander. Krankenwagen höre ich keine. Vor Whole Foods ist immer eine lange Schlange mit weiten Abständen, sie lassen jetzt nur noch wenige Personen in den Laden. Fast alle meine Nachbarn im Haus sind noch da, hören tue ich niemanden, es ist als wenn das Haus verlassen wäre. Wir vergewissern uns via Email und kaufen auch mal für die Älteren ein. Die Jugendlichen rauchen Marihuana im Keller.

 

Hier ihr erster Bericht vom 19.3.2020: 

Der Virus traf Amerika völlig unvorbereitet. Obwohl wir seit Wochen die Ereignisse in China und dann Europa verfolgen, glaubte sich unser Präsident unverwundbar, und damit natürlich auch das ganze Land. In wenigen Tagen hat nun alles zugemacht, nacheinander Schulen, Galerien, Museen, Restaurants, Bars. Wenn möglich, wird von zuhause gearbeitet. Es wird gehortet, erst gab es keine Pasta, dann waren die Dosenbohnen weg und jetzt ist das meiste haltbare Essen ausverkauft. Um Toilettenpapier zu ergattern, muss man schon etwas gewitzter sein und die Lieferzeiten der jeweiligen Läden auskundschaften. Selbst dann gibt es nur eine Packung pro Person. Bei Amazon konnte man gestern eine Packung für $40 kaufen.

New York, diese laute, lebendige Stadt ist still. So still wie selbst an Weihnachten oder Thanksgiving nicht. Die Leute laufen wie im Trance und winken sich aus sicherer Entfernung zu. In den Tagen nach dem Attentat des 11. September rückten die Menschen zusammen – jetzt gucken sie sich argwöhnisch an, “wie nah kann ich meiner Nachbarin kommen, mit ihr im gleichen Lift fahren”? Aber die Hunde müssen auch ausgeführt werden und da das Wetter in den letzten Tagen frühlingshaft war, strömten viele in die Parks und an den Hudson. Die Warnung unseres Bürgermeisters, dass wir uns auf “shelter in place” vorbereiten sollen, sendete Schockwellen durch die einsamen Wohnungen. Wer kann, ist schon längst aufs Land oder in die Hamptons.

Ich habe das große Glück, dass ich ans Alleinsein gewöhnt bin, mein Atelier ist bei mir zuhause. Mein eigentliches Leben hat sich also nicht sehr verändert. Durch Zufall hatte ich gerade neue Leinwände und Farben bestellt und bin dadurch “versorgt”. Anstatt abends Leute zu treffen oder Ausstellungen anzusehen, wird nun telefoniert. Die meisten, die ich kenne wollen niemanden außer ihrer kleinsten Familie sehen. Aber es ist schwer sich zu konzentrieren, die Zukunft ist dunkel. Wird New York das überstehen? Die Kunstwelt? Meine nächste Ausstellung in Berlin ist verschoben, meine geplante Reise sowieso. Ich hatte kurz überlegt doch zu fahren, aber würde ich dann wieder zurückkommen? Werden wir uns vielleicht auf alte Werte besinnen, etwas zur Ruhe kommen? Wir sagen uns: Die Natur wenigstens profitiert, sie kann sich etwas erholen.

Aber auf keinen Fall krank werden, denn es gibt keine test kits, keine Schutzmasken, keine Beatmungsgeräte, keine Krankenbetten.

Bettina Blohm, Foto: Studio Bettina Blohm

Bettina Blohm, Foto: Angelika Platen

TEILEN