Corona-Tagebuch: Christiane Löhr aus der Toskana

Corona-Tagebuch: Christiane Löhr aus der Toskana

Christiane Löhr, Installationsansicht San Fedele, Mailand, 2020, Foto: Luca Casonato

Wir haben KünstlerInnen, die dem Haus am Waldsee durch Ausstellungen nahestehen, rund um die Welt gefragt, wie ihre Situation momentan aussieht.

Das Haus am Waldsee hat Christiane Löhr (*1965) für das Jahr 2021 zu einer ersten Einzelausstellung in Berlin eingeladen. Damit wird eine starke bildhauerische Position vorgestellt, die international bereits 2001 auf der Biennale von Venedig reüssiert hat. Sie zeichnet sich durch Mut zum Kleinstformat aus, verwendet ausschließlich nachwachsendes Material und setzt so einen Gegenpol zum allgemeinen bildhauerischen Trend zur Großinstallation aus industriegefertigten Grundstoffen.

Hier ihr Bericht vom 18.4.2020:

Als ich am 23. Februar zum Aufbau meiner Ausstellung an der Kirche San Fedele in Mailand ankam, herrschte noch reges Treiben im centro -zwei Tage später sah es vollkommen anders aus- hier, zwischen Duomo und Scala leere Plätze, wenige Menschen unterwegs mit Masken, die Museen geschlossen, ebenso die Kirchen, Kinos… und eine allgemeine große Verwirrung.

Salvatore und ich sind regelrecht in die Toskana zurückgeflüchtet. Die Eröffnung in Mailand wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Mit dem Kurator Padre Andrea visierten wir Mitte März an…

Seitdem bin ich hier, neben Köln meine zweite Heimat, Gricigliana ein kleines Bergdorf in der Nähe von Prato.  Anfangs war es entspannt in der Toskana, aber jeden Tag trudelten neue Verordnungen ein. Noch immer darf man sein Haus nur zum Einkaufen verlassen. Ein Umkreis von 200 Metern darf nicht überschritten werden. Die Carabinieri kontrollieren streng. Einmal haben sie sogar die Waldwege abgefahren, die an unserem Haus vorbeiführen.

Für das italienische ‚io resto a casa‘ (Ich bleibe daheim) könnte es aber keinen besseren Ort geben als hier in den Toskanisch-Emilianischen Apenninen, wo ich seit 10 Jahren mit meinem italienischen Partner lebe.  Von den schrecklichen Zuständen in den italienischen Krankenhäusern bekommen wir hier glücklicherweise nichts mit.  Aber jeder Einkauf ist weiterhin ein Abenteuer, das gut geplant sein muss. Es gibt keine Masken. Gut, in dieser Situation zu zweit zu sein. Und wir sind gesund.

Auch hier sind alle Kunstmessen abgesagt oder verschoben, Ausstellungen, Projekte, Treffen verschoben. Reisen und Besuche finden nicht statt. Das muss man hinnehmen. Dass aber die Produktion meiner ersten großen Werk-Monografie eine Vollbremsung erfahren musste, quält mich ziemlich. Nur sehr langsam geht es weiter. Mit digitalen, statt echten Treffen und umständlichen Kurierwegen.

So befinde ich mich zwischen dem Endspurt für das Buch und neuen Arbeiten im Atelier. Ohne Druck zu sein und trödeln zu können, kenne ich seit Jahren nicht mehr. Irgendwie genieße ich es auch. Trotzdem blockieren Sorgen das Schaffen.

Ich stelle mir vor, dass das Leben auf dem Land vor hunderten von Jahren so ähnlich gewesen sein muss – wenig Außenreize, Konzentrieren auf das, was um einen herum ist, Schauen und Hören. Langsamkeit. Jeder Morgen ist gleich, die Tage fließen dahin. Plötzlich höre ich auch den Fluss rauschen, fern unten im Tal, der sonst von den Autos übertönt wird.

Porträt Christiane Löhr

Christiane Löhr, Foto: Studio Christiane Löhr

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