Corona-Tagebuch: Takehito Koganezawa aus Tokyo

Corona-Tagebuch: Takehito Koganezawa aus Tokyo

Takehito Koganezawa, Self Portrait in a Forest

Wir haben KünstlerInnen, die dem Haus am Waldsee durch Ausstellungen nahestehen, rund um die Welt gefragt, wie ihre Situation momentan aussieht.

Takehito Koganezawa ist ein japanischer Zeichner und Videokünstler, der 2012 im Haus am Waldsee eine beeindruckende Ausstellung gezeigt hat. Nach vielen Jahren in Berlin kehrte er 2016 mit seiner Familie zurück nach Japan.

Hier sein Bericht vom 2.4.2020 aus Tokyo:

Es war Mitte Februar, als Covid-19 in Japan auftauchte, und ich war auf Treibeis im Ochotskischen Meer auf Hokkaido unterwegs.

Auf einem Kreuzfahrtschiff namens „Diamond Princess“ kam es zu einem massiven Ausbruch von Infektionen und die Passagiere durften nicht von Bord gehen, solange sich das Schiff noch im Hafen von Yokohama befand.

Im Winter ist der Tourismus in Hokkaido am stärksten, die Stadt ist von TouristInnen überfüllt. Ich habe sowohl Chinesen als auch Deutsche gesehen. Infolgedessen wurde Hokkaido für eine Weile das am stärksten infizierte Gebiet Japans, aber die Zahl der Infizierten in Japan stieg immer noch nicht über 200. Zu der Zeit fragten sich alle, ob es sich um eine neue Art der Grippe handelte.

Als ich am 28. Februar nach Tokyo zurückkehrte, wurde beschlossen die Schulen ab dem 2. März für zwei Wochen zu schließen und die Vorräte an Toilettenpapier und Monatsbinden waren ausverkauft. Meine Kinder sind aus der Schule raus, aber es gibt keinen Online-Ersatzunterricht, das waren sehr lange Frühlingsferien. Die Menschen pendelten jeden Tag in überfüllten Zügen und versammelten sich in großen Gruppen, um zu arbeiten, zu essen und zu reden. Der Park war voll von Kindern, die nicht mehr beschäftigt wurden.

Die Regierung hatte angekündigt, dass die Zahl der Infizierten ungewöhnlich niedrig sei und dass sie versuchte, die Zahl der Infizierten ohne Tests niedrig zu halten, um irgendwie die Olympischen Spiele abhalten zu können.

Die Skandale der letzten Jahre um die Regierung und den Premierminister Abe haben viele in Unglauben versetzt und die Zweifel, die nach dem Erdbeben vor neun Jahren und der anschließenden Atomkatastrophe an der japanischen Regierung geäußert wurden, haben hier ihren hässlichen Kopf gehoben.

Im März sind mehrere große Unternehmen dazu übergegangen, Ihre MitarbeiterInnen ins Home Office zu schicken. Einige Museen und andere öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. Theater, Kinos, Konzerthallen und Clubs wurden ohne jegliche Entschädigung durch die Regierung geschlossen. Große Veranstaltungen wurden auf breiter Front abgesagt. Und jetzt werden Bars, Sexshops und viele „Nachtlokale“ von der Regierung zur Schließung gezwungen.

Wir sind empört, weil die japanische Regierung so unaufrichtig auf die Situation reagiert.

Erstens geben sie nie die richtigen Informationen heraus. Die Ansichten der Regierung sind vage und sie zögert, konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Anstatt zu versuchen, in dieser Notsituation die Menschen zu unterstützen, werden einzig und allein Maßnahmen zum Schutz von PolitikerInnen, BürokratInnen und Großunternehmen aus Angst vor dem Verlust der politischen Macht umgesetzt. Sieht man sich das Video von Abes Pressekonferenz genau an, erkennt man, dass er nicht ein einziges Mal direkt in die Kamera schaut. Die ganze Zeit schaut er nur auf die Teleprompter links und rechts und liest vor, was sein Redenschreiber geschrieben hat. Darüber hinaus hat die Regierung nichts zu sagen, sie redet nur darüber, wie sie die Wirtschaft wieder in Gang bringen will, sobald die Covid-19-Pandemie abklingt. Ich kann nicht einmal den Weg zu dieser wirtschaftlichen Erholung erkennen. Der Bereich der Kultur bleibt dabei völlig unberücksichtigt.

Eine große Zahl von KünstlerInnen und TechnikerInnenn in Japan ist arbeitslos. Es gibt dort absolut keine Unterstützung, weder von der Regierung noch vom privaten Sektor. Als Reaktion auf die Forderung der Regierung nach Unterstützungsmaßnahmen gab es den Vorschlag, statt Bargeld Wagyu-Rindfleisch-Gutscheine auszugeben. Dieser stieß auf Widerstand innerhalb der Regierungspartei und so kam es zu dem zusätzlichen Vorschlag, Fisch-Gutscheine auszugeben. Es gab auch die Idee, Reisegutscheine für TouristInnen auszugeben, die mit einem Rückgang der Zahl der Reisenden zu kämpfen haben. Wir waren jedes Mal empört, wenn über diese Vorschläge in der Presse berichtet wurde und verspüren den größten Zorn über eine Regierung, die die Öffentlichkeit ignoriert und unsere Steuergelder zum Profit ihrer Unterstützer einsetzen will.

Takehito Koganezawa, Untitled

Schließlich wurde gestern, am 1. April, ein erstes konkretes Unterstützungspaket von Premierminister Abe angesichts von zwei Monaten der Angst und der Not vorgelegt.

Er sagte, er habe eines der größten, überdimensionierten Unterstützungspakete, die es gibt, vorzulegen. Nun, wie sah dieses Paket aus? Er sagte: „Wir werden zwei Stoffmasken an jede Adresse schicken.“ Das Ergebnis der zweimonatigen Regierungsgespräche lautete: Zwei Masken für jede Familie. Ich habe eine vierköpfige Familie. Was in aller Welt sollen wir mit zwei Masken tun?

Es ist eine schwierige Situation, auf die Straße zu gehen und jetzt zu demonstrieren, wo niemand mehr auf der Straße ist. Und in Japan hat man nicht wirklich das Gefühl, dass sich durch die Demonstrationen etwas geändert hätte. Es ist sehr leicht, das Gefühl zu bekommen, dass – egal was man tut – am Ende ist es sinnlos. Ich habe nicht einen einzigen Abe-Anhänger um mich herum, aber sobald wir eine Wahl abhalten, gewinnt nur Abe.

Nun, jetzt stehe ich als einzelner Künstler in der Wildnis. Die meisten Aufträge, über die ich von jetzt an Geld verdienen könnte, sind abgesagt worden und ich weiß nicht, wann ich die Projekte, die ich verschoben habe, realisieren kann. Es gibt keine Entschädigung für das Einkommen. Miete, Strom, Gas, Telefonrechnungen und Rentenversicherung müssen zu 100% bezahlt werden. Und die Unterstützung durch die Regierung kommt in Form von zwei Masken. In diesen Zeiten bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als der Situation mit Humor zu begegnen.

Abgesehen von der japanischen Gesellschaft; betrachtet man die Erde auf globaler Ebene, lässt sich deutlich erkennen, wie schädlich die Menschheit für die Erde ist, da man sieht, wie schnell derzeit Probleme wie Luftverschmutzung verschwinden können. Aber wir sind auch Wesen, die aus ihrer natürlichen Umgebung herausgetreten sind. Und wir können nicht ohne die Natur leben. Kunst sollte die Technologie sein, die die Verbindung zwischen Natur und Mensch zusammenhält. Eine Technologie, die die Natur nicht einseitig von der menschlichen Seite her ausbeutet, sondern sich wechselseitig durchdringt. Kunst als etwas, bei dem die menschliche Seele einen Teil der Natur berührt und mit ihr interagiert. Mit anderen Worten: Der Teil, den die Kunst berührt, ist der Teil, der über den Bereich des Menschlichen hinausgeht.

Bei der Untersuchung von Covid-19 fand ich sehr vielsagend, dass nicht klar war, ob das Virus überhaupt ein Organismus oder doch eher ein lebloses Objekt sei. Anstatt ein Virus als Organismus zu verstehen, stellen wir es uns mal als einen Zustand vor, in dem eine Art von Programm abläuft. Und dieses Programm wird jeden Tag irgendwo neu überschrieben. Es entzieht sich unserem Verständnis und jegliche Veränderung schafft neue Infektionen. Es mag sich ähnlich zu dem Konflikt zwischen Grammatik und Rhetorik in der Literatur verhalten. Mit anderen Worten: Wir befinden uns nicht im Krieg mit dem Virus, sondern wir bewegen uns auf eine Gesellschaft zu, die in Harmonie mit dem Virus leben kann.

Ich habe immer das Gefühl, dass es nicht ausreicht, über Kunst nur im Hinblick auf ihre Nützlichkeit zu sprechen. Der Nutzen von Kunst ist von Natur aus unsicher. Die erzwungene Analogie ist die, dass Kunst und Viren sich ähnlich verhalten. Obwohl ich natürlich glaube, dass Viren Menschen töten und Kunst Menschen rettet.

Takehito Koganezawa

TEILEN