Digitalreihe Design: Studio Œ

In der aktuellen Ausstellung “New Normals” schafft der Industriedesigner Konstantin Grcic im Haus am Waldsee aus seinen gestalteten Objekten und alltäglichen Materialien Konstellationen, die in den Betrachter*innen eigene Vorstellungen von möglichen Zukunftsperspektiven erwecken. Wie vielfältig zukunftsgerichtetes Design aussehen kann, wollen wir in dieser digitalen Reihe weiter ergründen, in der verschiedene Designer*innen ihre Ansätze und Visionen vorstellen.

In ihrer Arbeit visualisieren Anne-Sophie Oberkrome und Lisa Ertel Gedanken zu Phänomenen unserer Zeit, geleitet von Beobachtungen in ihrer unmittelbaren Umgebung, die sich in Alltagsgegenständen und Architektur manifestieren. Geprägt vom gegenwärtigen Genius Loci realisieren sie Projekte, die sich im Spannungsfeld von analogem und digitalem Raum sowie Kultur und Natur bewegen.  Neben ihrer Arbeit als Studio erproben sie im Kollektiv neue Gestaltungsrituale. Die selbstinitiierten Projekte profitieren vom interdisziplinären Austausch und den sich ergänzenden Fähigkeiten und Perspektiven auf diverse Themenfelder.

Am 7. Mai 2022 findet im Haus am Waldsee ein Design-Symposium mit Konstantin Grcic, Johanna Seelemann und Studio Œ zum Thema „Practising Design. Wie entsteht relevante Gestaltung heute?“ statt. Die Veranstaltung wird von den Kurator*innen der Ausstellung, Anna Himmelsbach und  Ludwig Engel, moderiert. 

Relativ Normal

Welche Normen beeinflussen einen Gestaltungsentwurf? Neben formgebenden Standards, die durch die Industrie etabliert wurden und in Fertigungstechniken, Werkstoffen und Halbzeugen verankert sind, stecken Arbeitsbedingungen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen den Rahmen weiter ab. Ist das Designobjekt in diesem universellen System somit ein Konglomerat aus standardisierten Kompromissen, der materialisierte kleinste gemeinsame Nenner? Welche Standards im System gilt es im gegenwärtigen und zukunftsorientierten Design zu hinterfragen? Wie passt man die Rahmenbedingungen so an, dass ein zeitgemäßer Designprozess ermöglicht wird, der dynamischer und freier auf neue Bedürfnisse eingehen kann?

Unsere Leuchte Norman ist eine Hommage an die Norm, hält sie sich mit ihrer Materialstärke, ihren Radien und DINs an besagte industrielle Standards. Formale Techniken, wie das Feuerverzinken, sind uns im urbanen Raum als Teil der uns umgebenden Architektur und Infrastruktur vertraut. Im Wohnraum jedoch fällt Norman auf und zeigt das vermeintliche Normalität relativ ist und das normal in einem anderen Kontext besonders sein kann.

Karlsruhe war während unserer gesamten Studienzeit eine riesige Baustelle, da im Stadtzentrum an einem neuen U-Bahn Netz gebaut wurde. Rohes Baumaterial, das überall präsent war und täglich neu zusammengesetzt wurde, sowie die dynamische Infrastruktur, hatten immer wieder Einfluss auf unsere Arbeiten. Norman, Grip und Chantier Chandelier sind Beispiele, über die Baustellentypologien ihren Weg ins Häusliche gefunden haben.

Studio Œ, Norman, 2020, Foto: Christoph Hauf, Oliver-Selim Boualam

Anne-Sophie Oberkrome, Grip Tiles, 2018, Foto: Michelle Mantel

Anne-Sophie Oberkrome, Grip Tiles, 2018, Foto: Marcel Strauß

Lisa Ertel, Chantier Chandelier, 2020, Foto: Christoph Hauf, Oliver-Selim Boualam

Das assoziative Beobachten von Alltagssituationen im unmittelbaren Umfeld ist für uns wichtige Inspirationsquelle von selbstinitiierten Projekten und Ausgangspunkt für Recherche sowie einen investigativen Entwurfsprozess. Die Übersetzung in funktionale Objekte lässt unsichtbar gewordene Gesten, Werkstoffe und Verarbeitungstechniken sichtbar und erfahrbar werden.

Die Kollektion Dune ist inspiriert von sogenannten Ruhsteinen, steinernen Bänken, die im 16. Jahrhundert in Süddeutschland und Frankreich errichtet wurden. An Verbindungsstraßen zwischen zwei Handelsplätzen aufgestellt, boten die Bänke Händlern und Bauern einen Platz, um sich auszuruhen und schwere Waren für eine Weile abzustellen. Viele dieser Zeitzeugen stehen heute immer noch am Wegesrand. Die von Wetter und Zeit geformte Patina erzählt die Geschichte jeder dieser Bänke und lässt sie mit ihrer Umgebung camouflieren. In der Dune-Kollektion wird die natürliche Erosion durch die auf Holz angewandte Sandstrahltechnik imitiert und beschleunigt. Das weiche Frühholz wird abgetragen, während das harte, in der kalten Jahreszeit gewachsene Holz, erhaben bleibt. Die individuelle Biografie des Holzes wird so wortwörtlich greifbar.

Neben materialspezifischen Bearbeitungsmethoden, welche die individuellen Qualitäten eines Materials hervorheben und fordern, kommen in unseren Projekten gleichermaßen Zuschreibungen wie Wertigkeit und Symbolik als Form der nonverbalen Kommunikation zum Tragen.

Ein Material, das Jahrhunderte überdauert und nicht an Wert und Symbolcharakter verliert, ist Marmor. Im römischen Reich war er der Huldigung von Herrschern und Göttern vorbehalten und spiegelte traditionell Macht und Status wider. Anfang 2022 haben wir im Rahmen des Kollektivs Many-to-Many eine selbstinitiierte Ausstellung in Köln realisiert, die sich mit der kulturhistorischen Geschichte der Stadt auseinandersetzte. Agrippina die Jüngere, Gründerin Kölns, wurde häufig sitzend auf einem Klismos-Thron in Marmor verewigt. Viele dieser Statuen wurden jedoch auf Verlangen ihres Sohnes Nero zerstört. Das Schicksal Agrippinas, die von männlichen Historikern als blutrünstige Herrscherin angeprangert wurde, wirft Fragen über die vorwiegend männliche Geschichtsschreibung auf. Was ist Wahrheit, was Trugbild oder Propaganda? Diese Fragen finden in dem Sitzobjekt Pina Gestalt – Corian®, ein industriell gefertigter mineralischer Werkstoff, der optisch sowie haptisch dem natürlichen Stein nahezu gleicht, jedoch konträre Eigenschaften besitzt, der mit Marmor kombiniert wird.

Lisa Ertel, Dune, 2017, Foto: Michelle Mantel

Lisa Ertel, Dune, 2017, Foto: Michelle Mantel

Studio Œ, Pina, 2022, Foto: Jannis Zell, Marcel Strauß

Studio Œ, Pina, 2022, Foto: Jannis Zell, Marcel Strauß

Eine Collage aus künstlich und natürlich, ein fließender Wechsel zwischen Handwerk und Halbzeug oder der Transfer zwischen analog und digital bilden reizvolle Spannungsfelder. Zwei Projekte, die im alltäglich gewordenen Zusammenspiel von materiell und immateriell entstanden, sind die Leiboom Bowl sowie die Installation Layered Transparency – Displayed Opacity. Darin testen und visualisieren wir neue Möglichkeiten im Entwurfsprozess sowie in der finalen Projektpräsentation. Berührungspunkte in dieser Zwischenwelt werden auf sinnlicher, emotionaler oder spekulativer Ebene nahbar gemacht.

Die Installation Layered Transparency – Displayed Opacity stellt vier parallele Präsentationsformen vergleichend nebeneinander und verschränkt dabei analog und digital: eine Vitrine, einen Touchscreen, eine Virtual-Reality-Brille und ein 3D-gedrucktes Objekt. Glas und seinem Ausgangsmaterial Sand wird darin eine entscheidende Rolle zugesprochen: der transparente Werkstoff bildet eine Brücke zwischen der realen und der virtuellen Welt, fungiert aber auch als ultimative Grenze zwischen beiden. Wie verändert sich unsere Wahrnehmung von Objekten, die in ihrer Gestaltung, Präsentation sowie in der Interaktion mit ihnen, wechselseitig in beiden Welten existieren? Eine Vase dient dabei als Stellvertreter und illustriert die ständige Übersetzung – vom analogen Objekt im digitalen Raum, bis hin zum digitalen Objekt im analogen Raum.

Anne-Sophie Oberkrome, Layered Transparency – Displayed Opacity, 2019 Foto: Oliver-Selim Boualam

Anne-Sophie Oberkrome, Layered Transparency – Displayed Opacity, 2019, Foto: Oliver-Selim Boualam

Anne-Sophie Oberkrome, Layered Transparency – Displayed Opacity, 2019, Foto: Oliver-Selim Boualam

Lisa Ertel & Jannis Zell, Leiboom Bowl, 2021, Foto: Lisa Ertel, Jannis Zell

Lisa Ertel & Jannis Zell, Leiboom Bowl, 2021, Foto: Lisa Ertel, Jannis Zell

Wesentliche Nebenprodukte des konventionellen 3D-Druckverfahrens, welches Überhänge während des Drucks stabilisiert, sind computergenerierte Stützstrukturen. Diese finden in der Leiboom Bowl, einer 3D-gedruckten Obstschale, Gestalt. Mit Hilfe einer Software wuchsen diese bionischen Strukturen, die das formoptimierte Wachstumsverhalten von Bäumen und Knochen nachahmen, im Digitalen Raum um 3D-gescannte Früchte herum. Die normalerweise nach dem Druck weggeworfenen Stützstrukturen werden hier zum Hauptprotagonisten.

Das Projekt zeigt, dass der Mensch auf seinem Streben nach Formoptimierung letztendlich wieder auf die ursprüngliche Formsprache und Logik der Natur zurückgreift.

 

Studio Œ, Anne-Sophie Oberkrome & Lisa Ertel, Foto: Jannis Zell, Marcel Strauß

Studio Πsind Anne-Sophie Oberkrome (*1990) und Lisa Ertel (*1990). Seit 2021 leiten sie ihr Produktdesign-Studio in Berlin.

Nach ihrem Diplomabschluss an der staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe waren sie Mitbegründerinnen der Forschungsplattform Bio Design Lab. Sie sind Teil von unterschiedlichen Arbeitskonstellationen, wie dem multidisziplinären Fan Kollektiv und Many-to-Many, in denen sie gemeinsam alternative Arbeitsweisen und Präsentationsformate erproben und Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Design verwirklichen.

 

 

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