Ausstellung
Margaret Raspé – Automatik

Margaret Raspé, Alle Tage wieder – let them swing! (Collage), 1974, Super 8, Farbe, ohne Ton, 20 Min., Filmstill, Courtesy die Künstlerin und Deutsche Kinemathek, Berlin

Margaret Raspé

Automatik

3.2. – 29.5.2023

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Margaret Raspé, Automatik, 1970

 

Die Ausstellung Automatik präsentiert die erste umfassende Retrospektive der Berliner Künstlerin Margaret Raspé (*1933 in Wrocław/Breslau, †2023 in Berlin), die über die letzten fünf Jahrzehnte hinweg in der unmittelbaren Umgebung des Hauses am Waldsee ein bedeutendes Werk geschaffen hat. Raspés Arbeit ist von einer eigenwilligen künstlerischen Sprache charakterisiert, die Leben, Kunst und Arbeit in ihren alltäglichen Bedingungen zusammendenkt. 

Die Untersuchung von Wahrnehmungsprozessen ist zentral in Raspés Werk, das neben bedeutenden filmischen Arbeiten aus den 1970er und 80er Jahren Performances, Fotoserien, Soundarbeiten und großformatige Installationen im Innen- wie Außenraum umfasst.  Mittels ephemerer Herangehensweisen, die gezielt auf ihre Umwelt reagieren werden in den Arbeiten gelebte Realitäten konsequent zum Ausgangspunkt ihrer Kunst gemacht, um so gegebene soziale und gesellschaftliche Strukturen zu analysieren.

Bereits 1971, bevor diese industriell verfügbar waren, entwickelte Raspé den so genannten „Kamerahelm“: Ein Baustellenhelm ausgestattet mit einer Super-8-Kamera, die genau die Zentralperspektive des Blickes der Künstlerin einnahm und ihr ermöglichte, ihren Alltag zu filmen. Die so entstandenen Filme zeigen die Künstlerin bei automatisierten Alltagsabläufen, unter anderem bei der Hausarbeit. Klinisch genau kann man Raspé beim Schlagen von Sahne zu Butter in Der Sadist schlägt das eindeutig Unschuldige (1971), beim Backen eines Kuchens in Backe backe, Kuchen (1973) oder beim Abwasch in Alle Tage wieder – let them swing! (1974) beobachten. Sie verleihen den häufig unsichtbaren, alltäglichen Verrichtungen nicht nur Sichtbarkeit, sondern bezeugen gleichzeitig die zumeist unbewussten körperlichen Vorgänge beim Arbeiten. Diese automatisierten Handlungen, die die Künstlerin immer wieder anhand ihres eigenen Körpers nachvollzieht, sind in ihren Transformationen sowohl gewaltsam als auch banal. Das Automatische wird so als ein Prozess zwischen Kopf- und Handarbeit untersucht; der Körper als programmierbare Mensch-Maschine, oder als „Frautomat“, dessen Kamerahelm als prothetische Erweiterung des Körpers die Perspektive der Künstlerin als Arbeiterin universal erfahrbar macht.

Die Ausstellung bringt die frühen Filme mit späteren Werken der Künstlerin zusammen, die sich mit Fragen der Ökologie, Nachhaltigkeit, Wahrnehmungstheorien, Spiritualität und Heilung auseinandersetzen. Ihnen gemeinsam ist die Suche nach anderen Wahrnehmungsformen und einem Wissen, das sich in den Körpern, Lebewesen und Objekten unserer alltäglichen Umwelt abbildet. Ihr Haus und den daran anschließenden Garten am Rhumeweg in Berlin Zehlendorf erschloss Raspé früh als Ort für einen diskursiven künstlerischen Dialog. So waren Künstler*innen, Theoretiker*innen, Autor*innen und Aktivist*innen, besonders aus dem Umfeld des Wiener Aktionismus und der Wiener Gruppe sowie aus der Berliner Fluxus-Szene eng mit dem Haus verbunden und kamen regelmäßig für von Raspé gestaltete künstlerische und soziale Formate zusammen.

Margaret Raspé studierte zwischen 1954 und 1957 Malerei und Mode an der Kunstakademie München und an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin. In den frühen 1970er Jahren entwickelte sie den Kamerahelm und begann mit der Produktion der Kamerahelmfilme. 1978-85 schloss die Arbeit an einem subjektiv-ethnographischen Film über das Ritual der griechischen Anastenaria (Feuerläufer*innen) an. Raspés experimentelle Arbeiten wurden in Deutschland bislang nur fragmentarisch institutionell rezipiert, ihre Filme fanden jedoch schon früh internationale Aufmerksamkeit und wurden u.a. in den Anthology Film Archives, New York und der Hayward Gallery, London gezeigt. Ihre filmischen Arbeiten befinden sich in den Sammlungen der London Filmmakers’ Coop und in der Deutschen Kinemathek, Berlin.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, gestaltet von HIT Studio, u. a. mit Beiträgen von Karolin Meunier, Ghislaine Leung, Kari Rittenbach und Emily LaBarge.

Automatik ist eine Kooperation mit dem Badischen Kunstverein, wo die Ausstellung vom 22.7. bis zum 17.9.2023 zu sehen sein wird. 

 

Trailer Margaret Raspé – Automatik

 

Die Ausstellung wird gefördert durch: 

In Kooperation mit: 

Pressestimmen

“Die Ausstellung im Haus am Waldsee spürt sensibel dem nach, was Margaret Raspé in unterschiedlichen Genres geschaffen hat: Als Experimentalfilmerin, als Performerin, als Malerin und Soundkünstlerin. Eine späte, dafür wahrhaft würdevolle Retrospektive.” Michaela Gericke, rbb Kultur, 3.2.2023

“Mit der Retrospektive, der zweiten Ausstellung unter der neuen Direktorin Anna Gritz, erfährt das Lebenswerk einer sehr eigensinnigen und überraschenden Künstlerin eine verdiente Würdigung.” Felix Müller, Berliner Morgenpost, 3.2.2023

“In Berlin ist die Künstlerin, die weiterhin am Rhumeweg lebt, nahezu unbekannt. Was sich jetzt ändert. Aus ihrer ersten umfassenden Retrospektive spricht unbändige Experimentierlust, Willenskraft und ästhetische Konsequenz.” Jens Hinrichsen, Der Tagesspiegel, 5.2.2023

“Während [Martha] Rosler zur festen Größe des in jüngerer Zeit aufgearbeiteten Kanons der feministischen Kunst wurde, taucht Raspé in den Sammlungen und Standardwerken dazu, etwa in ‘Feministische Avantgarde’ der Kunsthistorikerin Gabriele Schor und der Wiener Sammlung Verbund, nicht auf – völlig zu Unrecht. ‘Oh Tod, wie nahrhaft bist du’ ist eine Schlüsselarbeit der feministischen Kunst dieser Zeit.” Sabine Weier, taz – die tageszeitung, 6.2.2023

“Margaret Raspé macht Kunst aus der alltäglichen Banalität und Routine – zu einer Zeit, in der Hausarbeit eher als Instinkt denn als Arbeit gilt. Dabei entsteht kein Küchenkitsch. Weder romantisiert Raspé die Arbeit, noch wertet sie sie als minderwertig ab. Stattdessen staunt man als Zuschauerin über die intensive Sinnlichkeit, Präsenz und Exaktheit des scheinbar Trivialen.” Lena Böllinger, nd, 15.2.2023

“Wer sich auf die merkwürdigen Installationen von Lautsprechern, Minifernsehern auf dem Esstisch (überzogen mit Bienenwaben) einlässt, sich die mit einer wackelnden Stirnkamera gedrehten Küchenszenen vom Kuchenteigmixen, Schnitzelklopfen und -braten im fahlen Palmfett und eiligem Geschirrspülen anschaut, begreift: Margaret Raspé ist eine Schlüsselfigur der feministischen Kunstszene Berlins. Sie zeigt, ganz im Brecht’schen Sinne, das Einfache, das so schwer zu machen ist.” Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, 25.2.2023

“Es gibt Begriffe wie ‘Mental load’, um zu beschreiben, was im privaten Bereich an unsichtbarer Arbeit geleistet wird. Eine zufriedenstellende Lösung dafür, wie sich diese Aufgaben gerechter aufteilen lassen, gibt es in vielen Bereichen noch immer nicht. Das macht die Ausstellung aktuell, und man fragt sich, warum eine so hellsichtige Künstlerin bei uns bislang so wenig institutionelle Anerkennung gefunden hat.” Laura Helena Wurth, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.2.2023

“Zugleich wird deutlich, was für ein Coup Raspés Experimentalfilme waren. Es gab ja weder Smartphones noch Go-Pros, Raspé musste erst etwas erfinden, um ihren unsichtbaren Alltag sichtbar machen zu können. Ein befreundeter Architekt besorgte ihr schließlich einen Bauhelm aus Aluminium. Ein Schulfreund ihrer Töchter baute ihr mit seinem Märklin-Baukasten ein Gestell für die Kamera auf den Helm. 1971 war die revolutionäre Konstruktion fertig, und Raspé begann zu filmen.“ Carolin Würfel, DIE ZEIT, 9.3.2023

“Ihre Filme waren auf Festivals zu sehen, auch im Ausland, dennoch fiel ihr Werk weitestgehend dem Vergessen anheim. Um so verdienstvoller ist nun diese Retrospektive, erarbeitet vom Team um Anna Gritz, die im letzten Jahr die künstlerische Leitung des Hauses am Waldsee übernahm.” Matthias Reichelt, junge Welt, 27.3.2023

“Sie muss ihrer Nackenmuskulatur einiges zugemutet haben, als sie mit diesem Gerät auf dem Kopf ihre Arbeiten im Haushalt filmte: Abwaschen, Sahneschlagen, Kuchenbacken. Aber die praktischen, kleinen Gopro-Kameras, die heute üblich sind, zum Beispiel auf dem Skihelm oder beim Montainbike-Fahren, die lagen damals nun einmal noch in ferner Zukunft. Margaret Raspé hat diese Zukunft zumindest mit erfunden, jedenfalls hat sie sie unter sichtlichen Strapazen vorweggenommen.” Peter Richter, Süddeutsche Zeitung, 11.4.2023

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